Höhepunkte aus dem Programm «Nocturne aux chandelles»

NEVERMIND QUARTETT
ANNA BESSON, Flöte
LOUIS CREAC’H, Violine
ROBIN PHARO, Viola da gamba
JEAN RONDEAU, Cembalo

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Contrapunctus 1 aus der «Kunst der Fuge» BWV 1080

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Contrapunctus 4 aus der «Kunst der Fuge» BWV 1080

Georg Philipp Telemann (1681-1767)
Pariser Quartett Nr. 1 G-Dur TWV 43:G1

Aufgezeichnet am 3. August 2019 in der Kapelle Gstaad

Nachdem er bereits 2017 in Zweisimmen die Goldberg Variationen zur Nachtzeit interpretierte, erleben wir das Enfant terrible unter den französischen Cembalisten erneut in einem Konzert bei Kerzenlicht. Jean Rondeau hält auch diesmal dem Urvater der Harmonie die Treue, doch erklingt zudem ein Werk von Johann Sebastian Bachs Zeitgenossen Telemann, die er mit den anderen drei Mitgliedern des Nevermind Quartetts zu Gehör bringt.

Johann Sebastian Bach macht einen weiteren Schritt auf das «Absolute» zu, als er 1747 Die Kunst der Fuge in Angriff nimmt: «Er wollte nichts anderes, als alles in dieser letzten Klarheit zusammenfassen und noch den grössten Wagnissen Entzücken entlocken», schreibt Luc-André Marcel in seiner bemerkenswerten Biographie (Seuil, 1961).

Der Musiker trotzt nicht nur dem Himmel: Auch seinen Körper, der ihn langsam im Stich lässt, stellt er auf die Probe. Aufgrund einer angeborenen Sehschwäche verliert er das Augenlicht. Als der Stadtrat davon erfährt, bereitet er – seiner Undankbarkeit getreu – seine Nachfolge vor. Bach «widersteht» dem Dirigenten Johann Gottlob Harrer, den man aus Dresden holt, mehr als ein Jahr lang. Der Eingriff des angesehenen englischen Okulisten John Taylor – unter dessen Messer kurz darauf ein anderes Genie der Musik erblindet: Händel – beschleunigt die Dinge. Beide Operationen sind eine Katastrophe. Bach, der das Ende nahen fühlt, diktiert seinem Schüler Altnikol den Choral Vor deinen Thron tret’ ich hier- mit. Ein Schlaganfall, gefolgt von hohem Fieber, führt am 28. Juli 1750 zu seinem Tod. Bach ist 65 Jahre alt. Ein posthumer Satz von Carl Philipp Emanuel auf der letzten Seite des unvollendeten Manuskripts von Die Kunst der Fuge liess eine Zeitlang glauben, der Musiker sei gestorben, während er die 14. und letzte Fuge diktierte, «wo der Name BACH im Contrasubject angebracht worden ist». Eine romantische Legende.

Zu seinen Lebzeiten viel berühmter als sein Landsmann und Zeitgenosse Johann Sebastian Bach (der nach ihm in Leipzig wirkt), ist der Autodidakt und Freigeist Georg Philipp Telemann mit nahezu 6000 erfassten Werken einer der produktivsten Musiker überhaupt. Er versteht sich in der damaligen Zeit bereits als Unternehmer und nutzt dazu seine beneidenswerte Position als Generalmusikdirektor der Stadt Hamburg weidlich aus. Telemann nimmt sein Schicksal selbst in die Hand und lässt seine Werke in Paris verlegen. Als Bach im 19. Jahrhundert eine Renaissance erlebt, wird Telemann ungerechterweise beiseite geschoben, doch heute kommt seine Musik wieder zu Ehren und beeindruckt vor allem durch ihre Kühnheit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.